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Neue AWS-Studie: Die Schweiz hat ein KI-Problem

MH

Dr. Maher Hamid

1. September 2026

Die trügerische Sicherheit der hohen KI-Nutzung

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen gut aus: 57 Prozent der Schweizer Unternehmen setzen gemäss einer neuen Studie von Amazon Web Services (AWS), die Ende August 2026 publiziert wurde, bereits künstliche Intelligenz ein. Damit liegt die Schweiz über dem europäischen Durchschnitt von 54 Prozent. Man könnte sich also zurücklehnen und die eigene Organisation auf Kurs wähnen. Doch die von Strand Partners im Auftrag von AWS durchgeführte Analyse offenbart bei genauerem Hinsehen eine beunruhigende Entwicklung: eine sich vertiefende KI-Kluft.

Während die reine Adaptionsrate steigt, sinkt der Anteil der Unternehmen, die KI wirklich tief und fortschrittlich in ihre Kernprozesse integrieren. Lediglich 18 Prozent der Firmen nutzen heute fortgeschrittene KI-Systeme wie agentische KI oder kombinieren mehrere Modelle für komplexe Aufgaben. Das ist ein Rückgang gegenüber 20 Prozent im Vorjahr. Die grosse Mehrheit von 60 Prozent beschränkt sich auf grundlegende, oft isolierte Anwendungen wie öffentlich verfügbare Chatbots.

Für Sie als Fach- oder Führungskraft bedeutet das: Die Gefahr wächst, dass Ihr Unternehmen zwar «irgendwas mit KI macht», aber den Anschluss an die produktivitätssteigernde, wertschöpfende KI verliert. Der Wettbewerb schläft nicht, und die Kluft zwischen oberflächlicher Nutzung und echter Integration wird zum entscheidenden Faktor für die Zukunftsfähigkeit.

Warum oberflächliche KI-Nutzung ein strategisches Risiko ist

Die Studie zeigt, dass der Rückgang bei der fortgeschrittenen Nutzung vor allem durch den starken Zustrom neuer Anwender auf Einstiegsniveau bedingt ist. Das ist verständlich, aber gefährlich. Wer bei einfachen Chatbot-Experimenten stehen bleibt, verpasst die eigentliche Revolution, die gerade stattfindet. Diese liegt in der Automatisierung ganzer Prozessketten durch sogenannte KI-Agenten.

Stellen Sie sich vor, Ihre Finanzabteilung müsste nicht nur Rechnungen manuell prüfen, sondern ein KI-System würde den gesamten Procure-to-Pay-Prozess autonom steuern: vom Abgleich der Bestellung über die Prüfung des Liefereingangs bis zur Auslösung der Zahlung und der korrekten Verbuchung in Ihrem ERP-System. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern die Domäne agentischer KI, die laut der AWS-Studie das Potenzial hat, ganze Industrien zu transformieren.

Unternehmen, die bereits heute auf solche Systeme setzen, berichten von massiven Vorteilen:

  • Produktivitätssteigerung: 90 Prozent der Firmen, die agentische KI einsetzen, verzeichnen höhere Produktivität.
  • Umsatzwachstum: 95 Prozent dieser fortschrittlichen Anwender berichten von höheren Einnahmen nach der Einführung.

Wer hier den Anschluss verliert, konkurriert bald mit Unternehmen, deren operative Kosten dramatisch niedriger und deren Innovationszyklen deutlich kürzer sind. Besonders für den Schweizer Werk- und Finanzplatz, der von Effizienz und Hochtechnologie lebt, ist diese Entwicklung kritisch.

Ihre Handlungsempfehlung: Vom Experiment zur Prozessintegration

Die Erkenntnisse der AWS-Studie sind ein Weckruf. Es reicht nicht, Mitarbeitenden einen Zugang zu ChatGPT zu geben. Sie müssen KI als strategische Komponente zur Optimierung Ihrer Kernprozesse begreifen. Die gute Nachricht: Der Weg dorthin ist kein unüberwindbares Grossprojekt, sondern kann schrittweise erfolgen.

Konkreter nächster Schritt: Führen Sie einen «Process Mining & AI-Fit»-Workshop durch.

  1. Identifizieren Sie einen Kernprozess: Wählen Sie einen klar definierten, aber schmerzhaften Prozess in Ihrer Abteilung aus. Beispiele sind das Onboarding von Neukunden, die Kreditorenrechnungsprüfung im Controlling oder das Management von Support-Tickets in der IT.
  2. Messen Sie den Status Quo: Analysieren Sie den Prozess datenbasiert. Wie viele manuelle Schritte sind involviert? Wie hoch ist die Durchlaufzeit? Wie hoch ist die Fehlerquote? Welche Kosten verursacht der Prozess pro Durchführung?
  3. Evaluieren Sie KI-Potenzial: Prüfen Sie gezielt, welche Schritte durch moderne KI-Werkzeuge (z.B. intelligente Dokumentenverarbeitung, Klassifizierungsmodelle oder einfache KI-Agenten) nicht nur unterstützt, sondern vollständig automatisiert werden können.
  4. Definieren Sie ein Pilotprojekt: Starten Sie nicht mit dem Umbau des gesamten Prozesses. Automatisieren Sie einen einzelnen, messbaren Teilschritt. Das Ziel ist ein schneller Erfolg (Quick Win), der den Mehrwert beweist und die Grundlage für die weitere Skalierung schafft.

Dieser Ansatz verlagert den Fokus vom unkoordinierten Experimentieren hin zur gezielten, wertorientierten Integration von künstlicher Intelligenz. Sie schaffen damit nicht nur Effizienzgewinne, sondern bauen systematisch die Kompetenzen auf, die Ihr Unternehmen benötigt, um auf der richtigen Seite der KI-Kluft zu stehen.

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