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EY-Studie: KI ist im Schweizer Arbeitsalltag angekommen. Aber wo bleibt die Strategie?

MH

Dr. Maher Hamid

28. Mai 2026

Der Weckruf aus der Praxis: KI ist keine Zukunftsmusik mehr

Eine gestern veröffentlichte Studie des Beratungsunternehmens EY bestätigt, was viele von uns im Arbeitsalltag bereits spüren: Künstliche Intelligenz ist in der Schweizer Unternehmenslandschaft keine ferne Vision mehr, sondern gelebte Realität. Die Zahlen sind eindrücklich: 89% der befragten Fach- und Führungskräfte in der Schweiz setzen bereits KI-Lösungen ein. Rund 70% davon nutzen integrierte Werkzeuge wie Microsoft Copilot oder Google Gemini, die direkt in die gewohnte Office-Umgebung eingebettet sind.

Diese hohe Adaptionsrate ist ein klares Signal. Die Phase des Experimentierens mit einzelnen Tools wie ChatGPT neigt sich dem Ende zu. Die Frage für Schweizer KMU und Konzerne lautet nicht mehr, *ob* man KI einsetzt, sondern *wie* man sie systematisch und gewinnbringend in die Wertschöpfung integriert. Die Studie ist somit weniger eine Erfolgsmeldung als vielmehr ein Weckruf: Wer jetzt nicht vom blossen Anwender zum strategischen Umsetzer wird, verliert den Anschluss.

Die strategische Lücke: Zwischen breiter Nutzung und echter Transformation

Die EY-Studie deckt eine kritische Diskrepanz auf. Während die Nutzung von KI-Assistenten für alltägliche Aufgaben wie das Zusammenfassen von E-Mails oder das Erstellen von Textentwürfen weit verbreitet ist, klafft dahinter eine strategische Lücke. Nur 9% der Unternehmen geben an, dass KI bereits ein integraler Bestandteil ihrer Geschäftsstrategie ist, der das eigene Geschäftsmodell transformiert hat. Mehr als die Hälfte der Firmen (55%) nutzt KI zwar gezielt, aber oft nur in isolierten Anwendungsfällen oder einzelnen Abteilungen.

Dieses Phänomen ist als "Pilot-Projekt-Falle" bekannt. Man implementiert erfolgreich einzelne, überschaubare KI-Lösungen, scheut aber den nächsten, entscheidenden Schritt: die Skalierung im gesamten Unternehmen und die Anpassung von Kernprozessen. Die Gründe dafür sind vielfältig: fehlendes internes Know-how, unklare Verantwortlichkeiten, Bedenken hinsichtlich Datenschutz (DSG) und Datensouveränität sowie die Herausforderung, den Return on Investment (ROI) konkret nachzuweisen.

Genau hier liegt die grösste Gefahr. Während die Konkurrenz ihre Prozesse im Controlling, Engineering oder in der Kundenbetreuung fundamental neu gestaltet, bleibt man selbst bei der Optimierung von PowerPoint-Präsentationen stehen. Der kurzfristige Produktivitätsgewinn einzelner Mitarbeitender wird mit langfristiger strategischer Stagnation erkauft.

Konkrete Implikationen für Schweizer Fachbereiche

Die Studienergebnisse haben direkte Auswirkungen auf verschiedene Rollen in Schweizer Unternehmen:

  • Für Controller und CFOs: Die Zahlen sind unmissverständlich. Rund 7% der befragten Firmen haben aufgrund von KI bereits Stellen abgebaut, 11% haben freiwerdende Positionen nicht neu besetzt. Gleichzeitig haben 18% neue, KI-spezifische Rollen geschaffen. Für Finanzabteilungen bedeutet dies: Die Automatisierung repetitiver Aufgaben wie Rechnungsprüfung oder Standard-Reporting ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Die frei werdenden Kapazitäten müssen in höherwertige Tätigkeiten fliessen – etwa in die prädiktive Analyse, die Szenario-Modellierung oder die strategische Beratung der Geschäftsleitung. Wer sich hier nicht weiterbildet, riskiert, von der Technologie überholt zu werden.
  • Für Software-Entwickler und Engineering-Teams: Der Einsatz von KI-Coding-Assistenten ist weit verbreitet. Die Herausforderung liegt nun darin, KI tiefer in den Entwicklungszyklus zu integrieren. Dies reicht von der automatisierten Generierung von Unit-Tests über die proaktive Identifikation von Sicherheitslücken bis hin zur autonomen Optimierung von Code-Qualität. Teams, die hier standardisierte Prozesse und KI-gestützte Workflows etablieren, werden einen signifikanten Geschwindigkeits- und Qualitätsvorteil erzielen.
  • Für Führungskräfte in KMU: Die Studie zeigt, dass der blosse Kauf von Lizenzen (z.B. Copilot for Microsoft 365) nicht ausreicht. Es braucht eine klare Roadmap. Welche drei bis fünf Kernprozesse haben das grösste Potenzial für eine KI-gestützte Transformation? Wie befähigen wir unsere Mitarbeitenden, die neuen Werkzeuge nicht nur zu bedienen, sondern damit echte Probleme zu lösen? Die Antwort liegt in einer gezielten, praxisnahen Weiterbildung und der Definition von klaren, messbaren Zielen für die KI-Implementierung.

Ihr nächster Schritt: Von der Anwendung zur Wertschöpfung

Die EY-Studie ist eine Bestandsaufnahme, die Schweizer Unternehmen an einem kritischen Punkt zeigt. Die Werkzeuge sind da und werden genutzt. Nun beginnt der eigentliche Wettbewerb: die strategische Verankerung von KI zur Sicherung des Geschäftserfolgs. Es ist an der Zeit, die "Pilot-Projekt-Falle" zu verlassen und eine unternehmensweite KI-Strategie zu entwickeln, die auf messbaren Ergebnissen und der gezielten Befähigung der Mitarbeitenden basiert. Der Schweizer Pragmatismus hat uns bei der schnellen Adaption geholfen; nun ist strategischer Weitblick gefragt, um die Transformation zu meistern.

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