HSLU-Studie: Schweizer Finanzprofis nutzen KI, aber zögern bei Kernprozessen
Dr. Maher Hamid
4. August 2026
Die Realität der KI-Adoption: Zwischen Euphorie und Zögern
Eine neue Studie der Hochschule Luzern (HSLU), veröffentlicht am 3. August 2026, liefert eine wichtige Momentaufnahme für den Schweizer Finanzplatz. Die Untersuchung, durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem WealthTech-Unternehmen Finup, beleuchtet den Stand der KI-Implementierung bei unabhängigen Vermögensverwaltern (UVV). Die Ergebnisse sind auf den ersten Blick ermutigend: Kein einziges der befragten Unternehmen ignoriert das Thema KI. Fast die Hälfte (49 Prozent) nutzt bereits KI in einzelnen Prozessen, weitere 39 Prozent sind in der Planungsphase.
Die Motivation ist klar: 93 Prozent der Finanzprofis versprechen sich von KI vor allem Effizienzgewinne. Administrative und regulatorische Aufgaben haben über die Jahre überhandgenommen und wertvolle Zeit gekostet, die bei der Kundenbetreuung fehlt. KI soll diese Zeit zurückgeben. Doch die Studie offenbart auch eine entscheidende Diskrepanz: Während KI für sprach- und textbasierte Aufgaben wie die Erstellung von Marketingtexten oder die Zusammenfassung von Meetings bereits gut genutzt wird, hapert es an der tiefen Integration in die Kernprozesse und Workflows der Vermögensverwaltung. Hier liegt die eigentliche Herausforderung, die weit über die Finanzbranche hinaus Relevanz besitzt.
Warum die Integration in Kernprozesse entscheidend ist
Die Beobachtung der HSLU ist ein Weckruf für viele Schweizer Fach- und Führungskräfte, insbesondere im Controlling und Finanzmanagement. Der Einsatz von KI-Tools für isolierte Aufgaben ist ein guter erster Schritt, vergleichbar mit der Einführung von E-Mail vor 30 Jahren. Echter strategischer Mehrwert entsteht jedoch erst, wenn KI in die zentralen, wertschöpfenden Abläufe eingebettet wird. Was bedeutet das konkret?
Stellen Sie sich vor, Ihr Controlling-Team nutzt einen KI-Assistenten, um Quartalsberichte sprachlich zu verfeinern. Das ist nützlich. Der wahre Hebel entsteht aber erst, wenn ein KI-System direkt an Ihr ERP- und CRM-System angebunden ist. Ein solches System könnte autonom Abweichungen in Echtzeit erkennen, erste Analysen zu deren Ursachen liefern und sogar Handlungsszenarien für das Management vorschlagen, noch bevor ein Mensch die Zahlen überhaupt konsolidiert hat.
Die Hürden für diese tiefe Integration sind gemäss der Studie vielfältig:
- Mangel an Datenqualität und -verfügbarkeit: Viele Unternehmen haben ihre Daten noch nicht so strukturiert, dass KI-Systeme effektiv darauf zugreifen und damit arbeiten können.
- Fehlendes internes Know-how: Es mangelt oft an Fachkräften, die sowohl die Geschäftsprozesse als auch die technischen Möglichkeiten von KI verstehen, um die richtigen Anwendungsfälle zu identifizieren und umzusetzen.
- Regulatorische Unsicherheit: Obwohl die FINMA den Einsatz von KI grundsätzlich begrüsst, herrscht in Bezug auf Datenschutz (revDSG) und Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen oft noch Unsicherheit.
- Hohe Investitionskosten: Die Einführung robuster, integrierter KI-Lösungen erfordert initiale Investitionen in Technologie und Personal, deren Return on Investment (ROI) für viele KMU nicht sofort ersichtlich ist.
Diese Punkte zeigen: Das Problem ist weniger die Technologie selbst, sondern die strategische, prozessuale und organisatorische Vorarbeit.
Ihre konkrete Handlungsempfehlung: Vom Tool zum System
Die HSLU-Studie zeigt, dass der Schweizer Markt an einer kritischen Schwelle steht. Um nicht im Stadium der isolierten «Spielereien» stecken zu bleiben, müssen Führungskräfte jetzt den nächsten Schritt planen. Warten Sie nicht auf die perfekte, allumfassende KI-Lösung. Handeln Sie jetzt, aber mit strategischem Weitblick.
Unsere Empfehlung: Führen Sie ein «Process-First-Audit» durch.
Anstatt zu fragen «Wo können wir KI einsetzen?», drehen Sie die Frage um: «Welcher unserer Kernprozesse ist am ineffizientesten, datenintensivsten und am stärksten regelbasiert?»
- Identifizieren Sie den Prozess: Wählen Sie einen einzelnen, klar abgrenzbaren Kernprozess aus. Das könnte der monatliche Controlling-Zyklus, die Kreditorenverarbeitung, die Liquiditätsplanung oder das Onboarding von Neukunden sein.
- Dokumentieren Sie den Ist-Zustand: Zeichnen Sie jeden einzelnen Schritt des Prozesses auf. Woher kommen die Daten? Wer ist involviert? Welche Entscheidungen werden getroffen? Wo gibt es Medienbrüche (z.B. manuelle Übertragung von Daten aus PDF-Rechnungen in SAP)?
- Definieren Sie den Soll-Zustand mit KI: Skizzieren Sie, wie dieser Prozess idealerweise mit KI-Unterstützung aussehen würde. Wo könnte eine KI Daten automatisch validieren, Abweichungen kennzeichnen oder Berichte vorstrukturieren?
- Starten Sie ein Pilotprojekt: Implementieren Sie die KI-Lösung für genau diesen einen Prozess. Messen Sie den Erfolg anhand klarer Kennzahlen wie Zeitersparnis, Fehlerreduktion oder schnellere Durchlaufzeiten. Der Erfolg dieses Projekts wird Ihnen die nötigen Argumente und das interne Wissen liefern, um die Integration auf weitere Kernprozesse auszuweiten.
Der Schritt von der Nutzung einzelner KI-Tools zur systematischen Integration in die Unternehmensabläufe ist die eigentliche Revolution. Die HSLU-Studie bestätigt: Die Schweizer Wirtschaft hat den Startschuss gehört, doch das Rennen um die tiefgreifende Automatisierung hat gerade erst begonnen.