Microsoft Power Platform: KI-Apps per Spracheingabe für Schweizer KMU
Schady Hamid
21. Mai 2026
Die Demokratisierung der Software-Entwicklung geht weiter
Microsoft hat in den letzten Tagen eine Reihe von KI-gestützten Erweiterungen für seine Power Platform vorgestellt, die das Potenzial haben, die Art und Weise, wie Business-Anwendungen in Schweizer Unternehmen entwickelt werden, grundlegend zu verändern. Der Kern der Neuerung: Fachanwender ohne Programmierkenntnisse können nun komplexe Apps und Automatisierungen durch einfache, natürliche Sprache beschreiben. Das System generiert daraufhin nicht nur die Benutzeroberfläche, sondern auch die zugrundeliegende Datenstruktur und die Prozesslogik.
Für Schweizer Fach- und Führungskräfte ist dies mehr als nur ein technisches Update. Es ist ein strategischer Hebel, um die Digitalisierung zu beschleunigen und die Abhängigkeit von überlasteten IT-Abteilungen zu reduzieren. Betrachten wir die praktischen Auswirkungen für verschiedene Bereiche.
Use Case 1: App-Entwicklung für das Controlling
Stellen Sie sich vor, eine Controllerin in einem mittelständischen Produktionsbetrieb benötigt ein Werkzeug zur Erfassung und Freigabe von Investitionsanträgen. Der bisherige Prozess läuft über Excel-Listen und E-Mail-Verkehr – ein fehleranfälliger und intransparenter Vorgang.
Der alte Weg: Ein Ticket bei der IT-Abteilung einreichen, Anforderungen definieren, auf die Priorisierung warten und nach Monaten ein vielleicht passendes, aber teures Tool erhalten.
Der neue Weg mit Power Apps Copilot: Die Controllerin öffnet Power Apps und beschreibt die Anforderung in einem Chat-Fenster: *«Erstelle eine App zur Verwaltung von Investitionsanträgen. Mitarbeiter sollen einen Antrag mit Titel, Beschreibung, Kostenstelle, Betrag und einem PDF-Angebot einreichen können. Der Antrag soll dann an den zuständigen Abteilungsleiter zur Freigabe gehen. Bei Freigabe wird eine Benachrichtigung an das Controlling gesendet. Ich benötige eine Übersicht aller Anträge mit ihrem aktuellen Status.»*
- Eine passende Datenstruktur in Microsoft Dataverse (die Datenbank der Plattform).
- Eine mehrseitige App mit Eingabemasken für die Anträge.
- Eine Übersichtsseite mit Filter- und Suchfunktionen.
- Einen Power Automate Flow, der den Freigabeprozess automatisiert.
Die Controllerin kann das Ergebnis direkt testen und per Konversation weitere Anpassungen vornehmen («Füge ein Feld für die Dringlichkeit hinzu» oder «Ändere die Farbe des 'Freigeben'-Buttons auf Grün»). Das Resultat ist eine massgeschneiderte Lösung in Stunden statt Monaten.
Use Case 2: Prozessautomatisierung für Engineering-Teams
Auch für technische Teams bieten die Neuerungen Vorteile. Während die KI einfache Aufgaben übernimmt, können sich Entwickler auf komplexe Integrationen und Architekturentscheidungen konzentrieren. Ein Engineering-Team kann die KI nutzen, um schnell Prototypen für Fachabteilungen zu erstellen. So werden Anforderungen greifbar und Missverständnisse frühzeitig ausgeräumt.
Ein konkretes Beispiel: Ein Maschinenbau-KMU möchte den Prozess für die Meldung von Wartungsbedarf digitalisieren. Ein Ingenieur könnte den Prozess wie folgt beschreiben: *«Erstelle einen Flow. Wenn ein Techniker in der 'Wartungs-App' einen neuen Fall mit Priorität 'Hoch' erfasst, erstelle automatisch einen Task in Microsoft Planner, weise ihn dem Bereitschaftsteam zu und sende eine Push-Nachricht an den zuständigen Produktionsleiter.»*
Power Automate entwirft diesen Workflow, den der Entwickler anschliessend verfeinern, um Fehlerbehandlungsroutinen ergänzen und in die bestehende ERP-Systemlandschaft integrieren kann.
Was bedeutet das für den Schweizer Markt?
Die «Low-Code»-Bewegung ist für die Schweizer Wirtschaft besonders relevant.
- KMU-Realität: Viele Schweizer KMU verfügen nicht über grosse IT-Teams. Die Möglichkeit für «Citizen Developers» aus den Fachabteilungen, selbst Lösungen zu bauen, ist ein enormer Effizienzgewinn. Es demokratisiert die Digitalisierung und fördert Innovation direkt dort, wo die Prozess-Expertise liegt.
- Datenschutz und Souveränität: Da die Power Platform innerhalb des eigenen Microsoft 365 Tenants betrieben wird und Microsoft Schweizer Cloud-Rechenzentren anbietet, behalten Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten. Dies ist eine entscheidende Voraussetzung, um die Vorgaben des Schweizer Datenschutzgesetzes (DSG) und branchenspezifische Regulierungen (z.B. durch die FINMA) zu erfüllen.
- Fachkräftemangel: Anstatt um die wenigen verfügbaren Software-Entwickler zu konkurrieren, können Unternehmen ihre bestehenden Fachkräfte befähigen, digitale Werkzeuge zu schaffen. Dies steigert nicht nur die Produktivität, sondern auch die Mitarbeiterzufriedenheit.
Fazit: Vom Anwender zum Gestalter
Microsofts KI-Offensive in der Power Platform senkt die Hürde für die Erstellung massgeschneiderter Unternehmenssoftware drastisch. Es geht nicht darum, professionelle Entwickler zu ersetzen. Vielmehr werden sie von Routineaufgaben entlastet und können sich auf anspruchsvollere Probleme konzentrieren. Gleichzeitig werden Fachexperten aus Controlling, Finanzen und anderen Bereichen zu aktiven Gestaltern der digitalen Transformation in ihrem Unternehmen.
Für Schweizer Führungskräfte bedeutet dies, eine Kultur des Ausprobierens zu fördern. Beginnen Sie mit einem klar definierten, überschaubaren Prozess. Schulen Sie einige «KI-Champions» in Ihren Teams und geben Sie ihnen die Werkzeuge an die Hand, um erste Erfolge zu erzielen. Der Wandel von passiven Anwendern zu aktiven Lösungsentwicklern ist eine der grössten Chancen, die die aktuelle KI-Welle für die Schweizer Wirtschaft bereithält.